Stärker als die Zeit

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Lars Nicolaisen:

Alles klar auf der Andrea Doria. Da war ich gerade sechs Jahre alt. Und seit dem begleitet mich Udo Lindenberg. Mein erstes „richtiges“ Konzert war die „Udopia-Tour“ von Udo Lindenberg. 1981 im CCH. Zusammen mit meinem Klassenkamerad Attila. Da waren wir beide 14 Jahre alt. Über 20 Jahre haben Attila und ich uns nicht gesehen. Heute Abend treffen wir uns wieder. Am Veröffentlichungstag des neuen Lindenberg-Albums. An der Bar im Hotel Atlantic. Wo sonst?

Heute früh 06:00 Uhr klingelte mein Wecker. Kopfhörer lagen neben dem Bett. Ich war vorbereitet. Die Ohrenstöpsel eingesteckt und dann genüsslich das neue Album gehört. Apple Music Streaming-Dienst sei Dank. Die PR spricht von „15 neuen Songs“, wir Lindis wissen natürlich es sind nur 14. Ein Song erschien bereits auf dem erfolglosen Album „Der Panikpräsident“ von 2003 und wurde jetzt fast 1:1 nur neu aufgelegt. Egal. Geschenkt.

„Stärker als die Zeit“ wird Udo Lindenbergs letztes Album sein, da lege ich mich fest. Das ist sein Vermächtnis. Das hat nichts damit zu tun, dass Udo im Mai seinen 70sten Geburtstag feiern wird. Es geht um die Songauswahl. In 11 von 15 Songs geht es nur um eins. Es geht nur um einen. Es geht nur um ihn, um Udo Lindenberg. Sein Leben, seine Gefühle. Es geht um seine Gedanken zum Leben und zum Tot. Die anderen vier Songs kann man als „Liebeslieder“ bezeichnen, wobei auch da sehr viel Udomania mitspielt. 

Ich bin mir sicher das Album wird ein riesiger kommerzieller Erfolg. Nur ein einziger Song ging mir nicht sofort ins Ohr – alles andere ist Mainstream at it´s best! Diese Aussage wäre vor einiger Zeit noch eine Beleidigung für Udo gewesen, heute verstehe ich sie als Lob! Udo wird die Ehre erhalten, die er sich in all den Jahrzehnten verdient hat! Die Konzerte werden ausverkauft sein und die Besucher werden glücklich beseelt die Hallen und Stadien wieder verlassen. Und sie werden sagen: „Der Typ ist 70 und so gut wie nie! Das ist doch der Wahnsinn!“ Hat er sich verdient und ich freue mich für ihn.

Viele Songs fand auch ich schon beim ersten hören richtig klasse. Meine Anspieltipps sind „Blaues Auge“ und „Wenn Du gehst“. Letzteres ist ein wunderschön trauriges Liebeslied, welches sicherlich in den nächsten Jahren auf vielen Trauerfeiern gespielt wird. Schmerzhaft und wunderbar zugleich. Das können nur wenige. Udo kann´s.

Dennoch habe ich nach knapp einer Stunde meine Kopfhörer ein wenig enttäuscht abgelegt. Das Album ist perfekt arrangiert und produziert. Aber dem Album fehlt ein wenig die Leichtigkeit und Rauheit. Eigenschaften die eigentlich seit Jahrzehnten zu jedem Lindenberg Album dazugehören und sogar 2008 beim letzten Album „Stark wie zwei“ noch zu bewundern waren. „Stärker als die Zeit“ beinhaltet keine Duetts und Gastauftritte. Kein Chubby Checker Überraschungsmoment. Bis auf eine einzige Textzeile im Lied „Der einsamste Moment“ hält sich Udo politisch total zurück. Er legt seine Finger nicht mehr in Wunden. Zeigt uns nicht mehr udopische Lösungen für unsere Alltagsprobleme, Flüchtlingskrise, IS-Terror, die amerikanische Trump-Gefahr, Brexit-Grexit-Irrsinn, veganer Überhype, Casting-Wahnsinn… das alles wird mit keinem Wort thematisiert. Hat er noch 2008 über ein „Interview mit Gott“ berichtet, so bleibt er 2016 geschmeidig, charmant und kantenlos. Verständlich. Aber schade.

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