ein-billiger-haarschnitt-gut-fuer-die-kunden-aber-schlecht-fuer-das-handwerk

Lars Nicolaisen:

Am vergangenen Wochenende war ich in Fulda bei einem wunderbaren Managementkongress des Landesinnungverbandes Hessen mit aktiver Unterstützung von Wella. Dort wurde ich oft auf diesen Blog angesprochen. Und viele Kollegen fragten mich, welcher Beitrag der bis jetzt meistgelesene Beitrag war. Ich habe versprochen dies einmal zu recherchieren und den Artikel erneut in den Blog zu stellen. Und genau das tue ich heute. Der Artikel ist lang. Also am besten heute für diesen Blog ein paar Minuten mehr einplanen. Ich denke es lohnt sich – auch heute noch.

Im Februar des letzten Jahres fragte mich eine Kundin warum ich nicht auch einmal einen sozialkritischen Beitrag über meine doch recht fragwürdige Friseurbranche schreibe. Am 24. Februar 2015 antwortete ich der Kundin und schrieb dann folgenden Beitrag, der bis heute über 40.000 x gelesen wurde:

Lars Nicolaisen (24. Februar 2015):

Am letzten Samstag schrieb ich einen emotionalen Beitrag, in dem ich mir so meine Gedanken über die aktuelle Lidl-Werbung machte. Der Beitrag wurde vielfach gelesen und auf Facebook 5x kommentiert. Den neusten Kommentar habe ich erst jetzt gesehen und ich möchte dazu heute in meinem Blog Stellung nehmen. Frau Karina Bünn schrieb:

„Moin Herr Nicolaisen, immer wenn Sie so sozialkritische Beiträge schreiben, frage ich mich warum sie nicht mal Ihre eigene Branche sozialkritisch hinterfragen. Ich gehe selten zum Friseur, aber wenn dann zu Ihnen, weil es für mich ein Luxus ist bei dem ich mich wohlfühlen möchte. Dazu gehört auch, dass ich demjenigen, der mir die Haare schneidet, gegenüber kein schlechtes Gewissen haben muss, dass er sich wegen mir den Rücken kaputt schuftet und von seinem Gehalt sich und seine drei Kinder kaum über die Runden bekommt. Hier am Hamburgs südlichsten Zipfel gibt es nur Billigfriseure wo Mädels aus einfachen Verhältnissen und viele aus Osteuropa im Akkord schuften und Überstunden am Wochenende schieben, während ihre Kinder allein zu Hause sind. Die trauen sich nicht etwas dagegen zu sagen, weil sie Angst haben völlig ohne Job dazustehen. Die können auch von tollen Haarfärbeworkshops und Weiterbildung nur träumen. Hier in meinem Stadtteil, kosten Friseurdienstleistungen maximal eindrittel von dem was man bei Ihnen bezahlt. Meinem Sohn lasse ich bei einer guten Bekannten, die in so einem Salon arbeitet die Haare schneiden, weil sie es sehr gut kann und sie so toll mit Kindern umgeht. Ich zahle ihr mehr Trinkgeld, als das was ihr Chef für eine halbe Stunde Friseurhandwerk an einem zappelnden Kind plus einfühlsames Zureden und Kinderunterhaltung verlangt. Vielleicht haben Sie dazu ja auch eine so klare Meinung.“

Habe ich. Zunächst jedoch erst einmal vielen Dank Frau Bünn für Ihre Zeit und Ihre Gedanken. Ich weiß Ihre Einstellung sehr zu schätzen und möchte mich dafür auch herzlich bedanken. Ich weiß jedoch nicht, wie lange Sie schon unserem Blog folgen. Ich denke ich habe schon so einige kritische Beiträge bezüglich meiner Branche geschrieben. Jedenfalls brachten einige meiner Aussagen mir in der Vergangenheit nicht nur Freunde unter den Friseuren ein. Wobei, es gibt zum Glück viele Kollegen die recht ähnlich denken wie ich. Zum Glück.

Die Friseurbranche ist krank. Punkt. Die Friseurdienstleistung ist in den Augen der deutschen Endverbraucher anscheinend nicht viel Wert. Und das Image ist beschämend. Haben wir in den 80ern noch über die „Friseusen“ Witze gelacht, machte sich die ganze Branche in den 90ern Jahren mit sogenannten Konzept-Salons wie z.B. „Hairkiller“ und dem revolutionären Preiskonzept von „Alles 10 Euro“ selbst kaputt. Es dauerte keine 20 Jahre und der Markt war komplett am Boden. Heute steht die Friseurbranche vor einem Scherbenhaufen und nur ganz ganz langsam ist eine Trendwende zu erkennen. Beitragen zu einer tendenziell leicht positiven Entwicklung tun z.B. die großen Konzerne wie „Wella“, „Loreal“ u.a. die mit Imagekampagne, innovativen Produkten und (besonders wichtig!) intensiven Schulungen dafür sorgen, dass die Qualität in der deutschen Friseurszene wieder steigt. Hier hat Deutschland im Vergleich zu allen anderen westeuropäischen Ländern in den letzten Jahren ebenfalls stark an Boden verloren. Und natürlich hilft hier auch die Einführung eines Mindestlohns, dieser nimmt jetzt zum Glück die Friseurbranche aus der öffentlichen Wahrnehmung eines Billig-Lohn-Berufes.

Aber glauben Sie ja nicht, dass dies unser größtes Problem ist. Das größte Problem meiner Branche ist die „legalisierte Schwarzarbeit“! Von 80.000 Friseursalons in Deutschland geben rund 1/3 aller Salons an unter 17.500 JAHRESUMSATZ (!!) zu liegen. Das bedeutet, dass diese Friseursalons behaupten eine maximale Tageseinnahme von 70 Euro zu erwirtschaften. Ich frage Sie Frau Bünn, wie soll das gehen? Wie will jemand mit 17.500 Jahresumsatz (!) eigentlich seine Miete bezahlen? Und seine Wohnung? Und seinen Lebensunterhalt? Und Mitarbeiter bezahlen? Und Produkte? Und Steuern zahlen? Das ist völlig abartig und komplett unrealistisch! Aber fast jeder dritte Salon gibt das so an. Schauen Sie sich ab jetzt einmal jeden dritten Salon an an dem Sie vorbeikommen….

Warum diese „Kollegen“ sich so einstufen? Weil man unter 17.500 Euro nicht Umsatzsteuerpflichtig ist. Und eine ordentliche Buchführung braucht man ebenfalls nicht zu führen. Sprich diese Kollegen haben fast schon eine 100% Garantie, dass sie weder vom Zoll noch vom Finanzamt besucht werden. Dieser Aufwand bei diesen „Kleinstunternehmen“ lohnt sich nämlich kaum. Schlau, was? Während wir und zahlreiche andere „große“ Kollegen und Filialunternehmen unter ständiger Beobachtung stehen und völlig gläsern sind, mauscheln andere vor sich hin und machen das Image kaputt und sorgen dafür, dass die Branche im großen und ganzen weiterhin kaputt ist. Wie meinen Sie soll man denn einen Haarschnitt oder eine Haarfarbe für 8, 10, 12, 14 oder meinetwegen auch für 20 Euro anbieten können und sich gleichzeitig an Mindestlohngesetze und Steuerehrlichkeit halten? Das ist aus meiner 30 jährigen Berufserfahrung völlig unmöglich! Und von fairen Arbeitsbedingungen, hochwertigen Produkten und Mitarbeiter-Weiterbildungen fange ich am besten erst gar nicht an zu schreiben.

Den schwarzen Peter bekommen von mir die vielen unehrlichen Friseurunternehmer. Jedoch ebenfalls in meinem Fokus liegen Mitarbeiter die sich jeden Monat „schwarz“ bezahlen lassen. Es gibt aktuell einen neuen Trend in meiner Branche Mitarbeiter 40 Stunden arbeiten zu lassen, jedoch nur 30 Stunden offiziell anzumelden und dafür die 8,50  Euro zu zahlen. Die restlichen 10 Stunden werden „so“ bezahlt. Machen sich die meist jungen Friseure Gedanken über ihre eigene Altersabsicherung? Darüber, dass am Ende der Steuerzahler für diese Vorgehensweise bezahlen darf, weil der Angestellte viel zu wenig Geld in die Sozialkassen eingezahlt hat? Nein. Und glauben Sie mir: Das muss so nicht sein!

Fast jeder Friseursalon sucht gute Mitarbeiter! Es gibt auch in unserer Branche einen absoluten Facharbeitermangel! Und als Friseur braucht man diese unehrlichen Methoden nicht mitmachen! Nur um aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen (evtl. zunächst schlechte Ausbildung, wenig Berufserfahrung, dann nur die Möglichkeit die Dienstleistung „billig“ anzubieten) bedarf es auch einer Portion Eigenmotivation! Man muss bereit sein an sich selbst zu arbeiten, nicht stehen zu bleiben und Innovation und neue Techniken trainieren. Man kann und muss Weiterbildungsangebote von Herstellern, Innungen und Verbänden annehmen. Und man muss dienstleistungsoptimiert und kundenorientiert arbeiten können. Das ist kein Hexenwerk, das kann man lernen. Dafür bedarf es auch keiner höheren Schulbildung. Hier geht es um die innere Einstellung. Unsere Mitarbeiter haben diese Einstellung. Alle! Und die Mitarbeiter von vielen tollen Kollegen um uns herum ebenfalls. „Nicolaisen“ ist ja keine einsame Insel! Also frage ich mich auch, wieso junge Menschen dieses kaputte System unterstützen. Noch einmal: Hauptschuld haben die Chefs und Unternehmer. Ganz klar! Aber eine Mitschuld haben auch die Angestellten! Und die Kunden die dies mit ihren Besuchen unterstützen. Und der Staat der es überhaupt zulässt, das ein Ladenlokal von der Umsatzsteuer und der ordentlichen Buchführung befreit werden kann. Und der Großhandel der „Messe-Tage“ durchführt, an denen Friseure alle Farben, Tönungen & Co in Bar und ohne Karte und Rechnungen kaufen können…

Nichts für ungut Frau Bünn, aber ich muss jetzt langsam wirklich zum Schluss kommen. Nicht nur weil mich dieses Thema schon wieder auf die Palme bringt, sondern weil mir heute früh auch die Zeit wegläuft und ich noch so einige Dinge auf meiner ToDo-Liste habe. Über dieses Thema könnte ich ein ganzes Buch schreiben, da man natürlich für eine ehrliche und faire Aufarbeitung dieses komplexen Themas viele unterschiedliche Facetten und Blickwinkel betrachten muss. Das ist unmöglich in einen Blog zu packen.

Abschließend noch der Hinweis, dass der Friseurberuf leider noch nie ein „Hoch-Lohn-Beruf“ war und auch nie werden wird. Wenn ich sehe was Friseure physisch und psychisch täglich leisten, ist das aus meiner Sicht ziemlich ungerecht. Aber den Friseurberuf mit Freude auszuüben heißt auch immer Leidenschaft für Menschen und Mode zu haben. Und wenn man die hat, dann ist dies ein großartiger Beruf mit enormen Spaß-Potenzial! Übrigens: Auch unsere Mitarbeiter erhalten am Ende des Monates weniger Geld als sie es eigentlich verdienen. Und auch ich – wenn ich das hier einmal einbringen darf – verdiene viel zu wenig für das persönliche Risiko welches ich eingehe und für die Arbeitsstunden und den Aufwand den ich betreibe. Wenn ich alle Wochenstunden zusammen zähle an denen ich mich aktiv mit meinem Unternehmen pro 7-Tage-Woche beschäftige (beschäftigen muss!), dann weiß ich gar nicht ob ich auf 8,50 Euro die Stunde komme… Egal, wir werden nicht müde uns weiter zu verbessern, die Leistungen und den Service zu optimieren und einfach immer einen Schritt voraus zu sein. Zum einen zum wohl für unsere Kunden. Aber zum anderen auch um schrittweise die Löhne unserer Mitarbeiter und das eigene Einkommen zu erhöhen. Das ist doch ganz klar! Und ich denke dafür sollte man sich auch nicht schämen. Nur so wird am Ende ein Schuh daraus. Und sollte sich die Situation bei den ehrlich arbeitenden und engagierten Friseuren verbessern, wird das bestimmt nicht zum Schaden der Kunden sein. Versprochen????

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