DIE GESCHICHTE EINER FUSSMATTE

Seit 16 Jahren liegt vor der Tür unseres Salons am Ballindamm eine schwarze Fussmatte mit unserem roten „Nicolaisen N„. Zu Neukunden die den Eingang unseres Salons suchen, sagen wir immer sie sollen sich am Jungfernstieg vor den Eingang der Europa Passage stehen und nach rechts schauen. Da sehen sie einen „schwarzen Teppich mit einem roten N“ – und genau da geht es zu unserem Salon.

Natürlich liegt nicht seit 16 Jahren ein und die selbe Fussmatte dort. Es gibt immer zwei Fussmatten gleichzeitig, die wöchentlich ausgetauscht und gereinigt werden. Wann immer eine Fussmatte zu mitgenommen aussieht, wird eine neue produziert und dann ausgewechselt. Ja, dass passiert gar nicht so selten, denn unsere Fussmatten haben schon einiges erlebt. Wenn man auf dem Fussboden des Ballindamm´s liegt, dann kann man sicherlich ganz viele Geschichten erzählen. Unzählige Menschen laufen drüber, Zigarettenkippen und Müll muss man ertragen, sehr viele Demonstrationen und sogar G20 Gipfel hat man miterlebt, jedem Sturm getrotzt und alle Sonnenstrahlen aufgesogen. Der „Nicolaisen Teppich“ gehört irgendwie zu diesem belebten und beliebten Ort in der Hamburger Innenstadt. Die schwarze Matte mit dem roten N signalisiert Beständigkeit und ist (zumindest für uns) ein Stück Hamburger Tradition geworden. Bis letzte Woche. Da war die Fussmatte plötzlich verschwunden.

Das Salonteam konnte es erst gar nicht glauben, als man zum Feierabend gegen 20:00 Uhr die Fussmatte wie gewohnt in den Salon legen wollt. Da lag vor unserem Salon keine Fussmatte mehr. Erst dachte man, dass sie eventuell weggeweht sein könnte. Dann fragte man sich, ob ein anderer Mitarbeiter sie vorab reingeholt und an einen untypischen Ort abgelegt hatte. Doch alles suchen, egal ob auf der Strasse oder im Salon, half nichts. Die Fussmatte war und blieb verschwunden. Sie wurde allen Anschein nach gestohlen. Das erste Mal in 16 Jahren.

Natürlich fragt man sich, warum jemand eine solche Fussmatte stehlen sollte. Na klar lieben wir „unseren Teppich“ auf eine spezielle Weise, aber es ist am Ende halt dann doch „nur eine Fussmatte“. Wer klaut so etwas? Ich kann mir das kaum erklären.

Am Anfang war ich ist sauer. Wir haben ein ganz herausforderndes Geschäftsjahr, stehen kurz vor der Einführung eines völlig neuen Systems und die aktuelle Corona-Lage ist auch für uns völlig unbefriedigend und schwer kalkulierbar. Dann wünscht man sich, dass man sich nicht auch noch mit solchen Neben-Themen beschäftigen muss. Mal abgesehen davon dass es Geld kostet, kostet es auch Nerven, Emotionen und Zeit. Man schüttelt mit dem Kopf und fragt sich, ob die Welt jetzt völlig durchdreht.

Dann, als die erste Aufregung verflogen war, fragte ich mich ob man eventuell jemanden anderen helfen konnte. Hamburg hat schon die ersten richtig kalten Nächte für diese Wintersaison erlebt. Findet eventuell ein Obdachloser in der Nacht jetzt mehr Wärme weil sie oder er darauf liegt? Sollte es so sein, geht es natürlich dennoch nicht einfach eine Fussmatte zu klauen, aber es würde mein Unverständnis deutlich abmildern. Ich habe mir vorgenommen daran zu glauben, dass diese Aktion zumindest einen guten Zweck erfüllt. Sollte dies so sein, und sollte es nur alle 16 Jahre einmal vorkommen, dann kann ich damit gut leben.

Herzlich, Lars Nicolaisen

UPDATE: Der Text war zu 100% fertig gestellt und sollte in dieser Sekunde online gehen, da erhalte ich gerade einen Anruf, dass die Fussmatte gefunden wurde! Sie lag gegenüber bei den Weihnachtsständen die gerade aufgebaut werden. Wieso, weshalb, warum? Keine Ahnung. Aber gut, wir haben unsere Fussmatte zurück, dass freut mich natürlich. Doch der Gedanke an frierende Obdachlose ist jetzt in meinem Kopf dennoch verankert. Mal schauen, wie wir diesbezüglich aktiv werden und helfen können. Wenn nicht mit Fussmatten, dann eventuell anders. Ich werde berichten.

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