Uwe Nicolaisen 1935 – 2021

Sonntag, der 11. Juli 2021.

Es lief die 89. Minute im EM Endspiel zwischen England und Italien, als mein iPhone klingelte. Die ersten angezeigten Zahlen 040 2092… verrieten mir sofort worum es geht. Ich wusste was jetzt gleich passieren wird. Den Inhalt solcher Telefonate kannte ich bis jetzt nur aus dem Fernsehen. Wenige Sekunde später bestätigte sich meine Vermutung. Eine mir fremde Frauenstimme sprach mir ihr Beileid aus.

Unser Vater war für immer eingeschlafen.

Sowohl mein Bruder mit seiner Familie als auch Simona, Bennet und ich waren in diesem Moment zusammen. Auch das ganze Wochenende waren wir gemeinsam bei Uwe, haben ihn erst am Sonntagabend kurz vor dem Anpfiff des EM Endspiels verlassen. Am Samstag hatte er noch immer mal wieder auf unsere Stimmen reagieren können. Am Sonntag hat er nur noch geschlafen. Unser Vater hatte zu keinem Zeitpunkt Schmerzen und er sah in seinen letzten Stunden würdevoll und mit sich im reinen aus.

Für uns als Familie ging alles so unfassbar schnell. Rückblick auf die letzten 14 Tage. Am Samstag den 26. Juli hatte Uwe noch ein schönes und lustiges Treffen mit seiner Schwägerin Silvi. Am Sonntagnachmittag den 27. Juni saßen Simona und ich mit ihm und seinem neuen Bekanntenkreis im wunderschönen Garten seiner Residenz beisammen, gönnten uns bei bestem Sonnenschein kühle Getränke, haben gelacht und hatten einfach eine gute Zeit. Zuvor war er – wie so oft an einem Sonntag – bei seiner Schwester Doris zum Mittagessen gewesen. Was für ein wunderbares, entspanntes Wochenende im Kreis vieler lachender Menschen. Und Uwe mittendrin. Am darauf folgenden Tag teilte ihm seine Hausärztin mit, dass sie eine böse Vorahnung hat und er sollte sich schnellstmöglich in einer speziellen Klinik durchchecken lassen. Ich fuhr am Montagmittag zu meinem Vater und brachte ihn dorthin. In den Tagen danach durchlief er mehrere Untersuchungen. Am Freitag wurde dann die Vorahnung bestätigt. Uwe besaß einen bösartigen Tumor, welcher unerkannt breit gestreut, und viele Organe befallen hatte. Der Prozess war sehr weit fortgeschritten. Man konnte nichts mehr für ihn tun.

Stille.

All die Untersuchungen und auch die verkündete Diagnose kosteten Uwe viel Energie. Am anschließenden Wochenende kam er jedoch wieder zu Kräften. Und obwohl die Aussichten so chancenlos waren, verlor er selbst in dieser Phase nicht seine positive Lebenseinstellung. Der Plan lautete nun, dass er in seine Residenz zurückkehrt, sich dort ambulant pflegen lässt und ansonsten noch zumindest diesen Sommer genießen kann. Am Montag den 5. Juli war ich bei Uwe im Krankenhauszimmer. Er saß in seinem schön eingerichteten Einzelzimmer auf einem Stuhl, ich auf seinem Bett. Als der Arzt für die Visite hereinkam, fragte er uns ob wir die Rollen vertauscht hätten und wir alle lachten. Die Werte waren (von seiner umfangreichen Krebsdiagnose abgesehen) recht gut und wir planten die Entlassung für Mittwoch. Dieses Gespräch war sechs Tage vor seinem Tod. Unfassbar, wie schnell sich dann sein Zustand täglich verschlechterte.

Was ist dann passiert? Wie konnte der Krankheitsverlauf nur so rasch verlaufen? Mein Bruder Marc und ich waren am Freitag bei der Verkündung der schlimmen Diagnose dabei. Hat er eventuell nur für uns gesagt, dass er kämpfen möchte? Vielleicht hat ihm sein Unterbewusstsein beim hören der Krebsdiagnose und der Aussicht auf eine Palliative Chemotherapie gesagt, dass er jetzt nicht die Bummelbahn, sondern lieber den ICE zu Jutta nehmen sollte. Seine geliebte Frau (und unsere Mutter) ist 2017 an Krebs verstorben. Je länger ich darüber nachdenke desto mehr komme ich zu der Erkenntnis, dass Uwe wohl für sich entschied, diese letzte Reise jetzt auch schnell hinter sich bringen zu wollen. Auch im Krankenhaus war man über dieses Tempo äußerst erstaunt.

Für die Familie meines Bruders und auch für Simona, Bennet und mich wurden in der Klinik jegliche Corona-Besuchsbeschränkung aufgehoben. Bei durchgehendem, heftigen Regen von Frasdorf (Chiemsee) bis Hamburg, setzten sich Sabine, Julia, Jamila und Nayla ins Auto und fuhren 12 Stunden von Bayern nach Hamburg.  Gemeinsam als Familie begleiteten wir Uwe in seinen letzten Tagen und Stunden. Die Ärzte und Schwestern der Station „6F“ in der „Schön Klinik Eilbeck“ pflegten unseren Vater vorbildlich und sorgten dafür, das Uwe keinerlei Schmerzen oder Streß ausgesetzt war. So unpassend es klingen mag, so empfanden wir alle dieses letzte Wochenende bei Uwe als sehr schön und beruhigend. Und gerade in dieser furchtbaren Corona-Zeit, in der so viele Menschen ihre sterbenden Angehörigen nicht in den letzten Tagen und Stunden begleiten konnten, waren wir uns diesem Privileg durchaus bewusst und sind dankbar diese Möglichkeit gehabt zu haben.

Von der ersten Vorahnung der Hausärztin bis zu Uwes Tod vergingen nur 13 Tage. Auch wenn diese Geschwindigkeit für uns als Familie noch immer kaum zu fassen ist und es sich auch ein wenig unwirklich anfühlt, so wissen wir, dass dieser Verlauf für Uwe ein Geschenk war.

Nun sind seit dem Verlust die ersten Tage ins Land gegangen. Ich hadere ein wenig mit dieser Zeit. Die Chance zu trauern blieb mir bisher weitestgehend versagt. Irgendwie muss man funktionieren. Das mag einige Menschen helfen sich abzulenken, für mich fühlt es sich definitiv nicht richtig an. Ich will gar nicht für mich in Anspruch nehmen dass der Verlust des letzten Elternteils für mich schmerzhafter als für andere Personen ist. Das wäre anmaßend und natürlich auch totaler Quatsch. Doch nur für den Hinterkopf möchte ich erwähnen, dass ich nicht nur einen geliebten Vater, sondern auch meinen Geschäftspartner verloren habe. Mein Vater war zeitgleich auch in meinen 37 Berufsjahren mein beruflicher Anker und allzeit mein erster Ansprechpartner bei beruflichen Entscheidungen.

In diesen Tagen erreichen uns unfassbar viele Reaktionen. Wir alle in der Familie werden fast schon erschlagen von den liebevollen Nachrichten die wir von überall her bekommen. Ich kann aktuell nicht alle Mails, WhatsApp´s, SMS und PN´s beantworten. Auch erlaube ich mir manchmal nicht ans Telefon zu gehen. Doch Ihr könnt Euch alle ganz sicher sein, dass ich eine tiefe Dankbarkeit und Freude über so viel Anteilnahme empfinde.

Wer meinen Vater nicht kannte wird sich vielleicht fragen, warum diese Reaktionen jetzt so zahlreich ausfallen. Nun, dass möchte ich versuchen im zweiten Teil dieses Blogs zu erklären.

Als 15-jähriger, im Jahre 1950, startete Uwe seine berufliche Laufbahn in einem großen Salon am Hamburger Dammtor-Bahnhof. Danach wollte er die Welt sehen. Er arbeitete knapp zwei Jahre in Schweden, lernte dann in Hamburg seine spätere Ehefrau Jutta kennen und gemeinsam wanderten sie nach Kanada aus. Sie lebten und arbeiteten in Toronto und brachten dort meinen Bruder Marc zur Welt. 1965 zog es die beiden zurück nach Hamburg und Uwe übernahm den elterlichen Betrieb, welcher 1933 von seinem Vater Max gegründet wurde.

Bereits 10 Jahre später, beim Jahreskongress 1975 in Köln, wurde Uwe als Mitglied in den Kreis der Intercoiffure-Loge aufgenommen. Sein erstes offizielles Amt als Obmann des Bezirkes Nordmark übernahm er 1977. Fortan folgten viele Stationen und Auszeichnungen in der Welt der Intercoiffure. Als sprachbegabter Friseur mit internationaler Berufserfahrung fand er schnell seinen Weg in die Intercoiffure-Zentrale nach Paris. Als Vizepräsident der damaligen Weltpräsidenten „Alexandre de Paris“ und „Maurice Franck“ war er neben seinen Kollegen aus den USA und Asien für alle Veranstaltungen im Rest der Welt verantwortlich. Auch der Intercoiffure Deutschland Vorstand, dem Uwe ebenfalls mehrere Jahre angehörte, profitierte von seinem internationalen Wissen in der Branche.

Legendär „sein“ Intercoiffure Weltkongress 1988 in Hamburg, den er mit Hilfe der ganzen Familie und zahlreicher Intercoiffure-Freunde wie Petsch und Raths über zwei Jahre plante. 1.000 Friseure aus aller Welt kamen nach Hamburg und unser Vater präsentierte gemeinsam mit weiteren Hamburger Friseurgrößen wie z.B. Marlies Möller, ein Wochenende voller Fashion, Trends und gesellschaftlichen Highlights.

Die Auszeichnungen für sein Intercoiffure Lebenswerk waren umfangreich und starteten schon im Jahr 1985 mit dem Award „Knight“, zu Deutsch „Ritter“. Dem folgten 1988 „Officer“, 1990 „Commander“ und 2002 das „Grand Cross“, die höchste Auszeichnung, die nur sehr wenigen Persönlichkeiten für ihre Dienste verliehen wird. Auch in Deutschland hatte Uwe den höchsten Rang der Auszeichnungen, den „Senator“-Status, erreicht.

Gemeinsam mit unserer Mutter bereiste er unendlich viele Intercoiffure Kongresse in allen Teilen der Welt. Auch nach seiner aktiven Zeit als Friseur blieb Uwe seiner „Loge“ treu und verfolgte bis zu seinen letzten Tagen jegliche Geschehnisse und Veranstaltungen – selbst in der digitalen Phase am Laptop.

Mit seinem Charme, seinem Hamburger Humor und seinen lebensbegleitenden Geschichten, von denen er viele auf Lager hatte, konnte er anscheinend Menschen begeistern. Für ihn war das Glas niemals halbleer, sondern immer halbvoll. Diese Lebenseinstellung begleiteten ihn sein Leben lang. Dabei war er nie oberflächlich oder ging naiv durch die Welt. Uwe war durch und durch ein anspruchsvoller Hanseat. Aber einer der das Leben zu lieben wusste. Simonas und mein enger Freund Guido Paar, ebenfalls Friseurkollege und Intercoiffure-Mitglied, hat dies für sich so wunderbar in Worte gefasst. Ich denke er spricht mit seinem Zeilen vielen Menschen aus dem Herzen, die unseren Vater kennen lernen durften.

Menschen wie Uwe wiederzusehen, lässt mich hoffen, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Menschen wie Uwe getroffen zu haben, lehrt mich vor allem aber, dass es auch ein Leben vor dem Tod gibt.

Guido Paar

Im Sommer 2019 startete ich meinen Branchen-Podcast NUNMALDEUTLICH. Für die Premierenfolge hatte ich mir einen ganz speziellen Gast gewünscht. Meinen Vater. Uwe kam an einem warmen Juni-Sommertag ins neu eingerichtete Podcast-Studio und er sprach mit mir über sein erfülltes Berufsleben als Friseurmeister. Zu hören ist unser Gespräch auf allen gängigen Podcast-Apps – oder direkt hier.

Nun steht eine neue Aufgabe vor uns…

Wie ermöglichen wir es allen Menschen die sich von Uwe verabschieden wollen, das in dieser Corona-Zeit auch tun zu können? In Hamburg gelten weiterhin strenge Corona-Auflagen. Ich denke wir haben jetzt einen guten Weg gefunden.

Die Urnentrauerfeier mit anschließender Beisetzung findet am Samstag, den 31. Juli 2021 um 13:00 Uhr in der Kapelle 13 (Foto) auf dem Friedhof Hamburg Ohlsdorf statt. Eintreffen ab 12:30 Uhr. Die Teilnahme an der Trauerfeier in der Kapelle ist begrenzt, sie wird jedoch über Lautsprecher nach außen übertragen. Eine Teilnahme an der Beisetzung ist möglich.

Wir wollen allen Wegbegleiter:innen ermöglichen vor Ort um Uwe zu trauern und gleichzeitig auf das Leben anzustoßen. Doch wenn wir in den letzten 18 Monaten etwas gelernt haben, dann dass, das man nichts wirklich planen kann. Die Corona-Situation kann sich jederzeit verändern und somit auch die Regeln für Trauerfeiern verschärfen. Daher müssen wir darauf hinweisen, dass bitte niemand spontan zum Friedhof fährt, sondern sich bitte jede und jeder vorab für die Teilnehme vor Ort anmeldet. Wir haben dafür extra eine E-Mail Adresse eingerichtet: trauer@nicolaisen-hamburg.de. Alternativ kann man auch das Bestattungsinstitut „Föhring“ telefonisch informieren. Tel.: 040-63652202. Vor Ort sollte besonders auf die allgemein gültige Abstandsregel von 1,50 Meter geachtet werden. Sollte auch draußen eine Maskenpflicht bestehen, werden wir an dem Tag darauf hinweisen. Also seid bitte alle darauf vorbereitet.

Nun komme ich zum Ende dieses langen Beitrags, der mir so bevorstand. Mir war es ganz wichtig, mich von meinem/unseren Vater auch auf unserer offiziellen Plattform angemessen zu verabschieden. Auch wenn es eventuell nicht mehr in die glatte, digitale Scheinwelt passt, in der sich viele Personen und Unternehmen stets faltenfrei, perfekt und allzeit gut gelaunt auf Tik Tok, Instagram, Facebook, Blogs & Co präsentieren. Simona und ich sind 2012 mit diesem Blog gestartet und wir haben immer darauf geachtet, dass dieser Blog genau so ist wie unser Leben. Mit Höhen und Tiefen. Authentisch und nahbar. Hanseatisch und anspruchsvoll. Das sind die Werte die uns auch von Uwe vorgelebt wurden. Es wird sicherlich schon bald wieder eine Zeit kommen in der wir uns mit den schönen Seiten des Lebens befassen, darüber philosophieren ob nun Balayage oder Colormelt die coolste Farbtechnik des Sommers ist oder ob „unser“ HSV in der neuen Saison nun endlich den Aufstieg packt. Das alles wird kommen, aber das alles muss noch ein wenig warten. Jetzt wollen wir Abschied nehmen.

Am vergangenen Sonntag haben wir weder die Verlängerung noch das Elfmeterschießen des EM Finales miterlebt. Uwe hat jedoch die eigene Verlängerung nach Juttas Tod angenommen und diese Zeit wunderbar gemeistert. Das finale Elfmeterschießen mit all seiner Anspannung und Ängsten hat er sich erspart.

Alles richtig gemacht Papi.

Ich möchte mich bei Euch allen für Eure Anteilnahme herzlich bedanken. Auch im Namen von Simona, meines Bruders Marc, sowie unserer ganzen Familie und unseren Salon-Teams sende ich herzliche Grüße.

Herzlichst, Lars Nicolaisen

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