KARRIERE-SYSTEM | DIE FRISEURBRANCHE

Herzlich willkommen zu Teil 3 meiner Erläuterungen zu unserem neuen Karriere-System, welches ab dem 1. Dezember in unseren Salons am Ballindamm und in der Hamburger Meile eingeführt wird. Am Montag informierte ich über die Motivation, gestern schrieb ich über unsere Stylisten und heute informiere ich über unsere Branche – denn dies ist unabdingbar, möchte man unser „Karriere-System“ allumfänglich verstehen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen zumindest einige wichtige Aspekte zu erläutern, warum qualitativ hochwertige und anspruchsvolle Friseurdienstleistungen (nicht nur bei uns) im Preis immer weiter steigen und Brancheninsider in den nächsten Jahren bei guten Friseuren sogar eine Preisexplosion erwarten.

Hier wirklich alle Facetten zu erwähnen die Einfluss auf unsere Branche nehmen, würde selbst den Umfang meines Blogs deutlich sprengen. Heute werde ich mich auf sieben sehr wichtige Kern-Themen fokussieren. Mitlesende Branchenteilnehmer*innen, die am Ende das ein oder andere vermissen könnten, bitte ich jetzt schon um Nachsicht. Dennoch wird der Beitrag heute recht lang. Mein Tipp: Holt Euch noch schnell etwas zu trinken – und dann weiterlesen.

WENIG AUSBILDUNG | Als ich in den 80ern meine Ausbildung begann, konnte sich das Friseurhandwerk vor Bewerbungen kaum retten. Gerade bei Mädchen und jungen Frauen war „Friseurin“ Berufswunsch Nr. 1, noch vor „Stewardess“ und „Tierpflegerin“. Das war extrem. Heute ist es wieder extrem, nur umgekehrt. Wer will heute noch nach der Schule eine klassische Ausbildung beginnen? Ob in der Politik oder in der Gesellschaft, man wird das Gefühl nicht los, dass eine akademische Ausrichtung selbstverständlich bevorzugt wird. BAFÖG? Gibt es für Studenten, nicht für Auszubildende. Kostenlose Monatskarte für Bus und Bahn? Klar gibt es das für Studenten. Azubis bzw. die Ausbildungsbetriebe müssen dies selbst tragen. Diese Ungleichheit könnte ich jetzt noch beliebig fortführen. Es ist auffallend, dass zwar neuerdings bei politischen Diskussionen immer betont wird wie wichtig Handwerk und eine klassische Ausbildung ist, aber politisch wird dafür wenig bis gar nichts getan.

Die Ausbildungsvergütung ist gering, die Arbeitsbedingungen herausfordernd und die Arbeitszeiten bieten nur wenig Spielraum für Flexibilität. Klingt wenig erstrebenswert, oder? Tja, das ist der eine Grund warum die Nachfrage stark nachgelassen hat. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch auch, dass für viele Menschen dieser Beruf dennoch eine Faszination ausübt. Zu recht! Es geht um Menschen, um Mode, um Kreativität, darum etwas eigenes zu schaffen und Menschen glücklich zu machen. Es geht um Selbsterfüllung. Es kann unglaublich schön sein, Friseur bzw. Friseurin zu sein. Es gibt zwar heute deutlich weniger Azubi-Bewerbungen als früher, aber in der Summe immer noch genug. Doch es gibt nur noch wenige Betriebe die bereit sind auszubilden! In Hamburg sollen es mittlerweile unter 10% aller Friseurbetriebe sein, die momentan ausbilden. Warum? Auch das hat wieder zwei Gründe.

Zum einen ist Ausbildung anstrengend. Sich auf die heutige, tendenziell recht „egoistische“ Generation einzustellen und nicht nur handwerkliches Geschick sondern auch Dienstleistungskultur zu vermitteln, kostet viel Geduld, Zeit, Nerven… und Geld. Das ist der zweite Grund. Eine Auszubildende kostet mich heute monatlich 1.100,00 Euro – und da habe ich interne Faktoren noch gar nicht mit eingerechnet. Bei drei Jahren Ausbildungszeit bedeutet dies, dass mich jeder Auszubildende gut 40.000,00 Euro kostet. Das muss ein Salon erst einmal erwirtschaften. Dazu kommt, dass man heute nicht mehr für „später“ ausbildet. Mag es vor einigen Jahrzehnten noch so gewesen sein, dass viele Auszubildende froh waren am Ende der Ausbildung übernommen zu werden, dann ticken die Menschen heute anders. Nach drei Jahren in ein und demselben Unternehmen, sehnen sich viele junge Menschen nach einen Tapetenwechsel, egal wie toll die Ausbildung auch war. Prozentual bleibt somit nur eine Minderheit nach der Ausbildung auch dort wo man ausgebildet wurden. Welches Unternehmen kann sich unter diesen Voraussetzungen „Ausbildung“ noch leisten? Und als ob das nicht genug wäre, wurde kürzlich politisch gefordert und festgelegt die Ausbildungsvergütung jährlich zu erhöhen – denn von den 1.100,00 Euro bleiben heute leider zu wenig Euro beim Auszubildenden auf dem Konto hängen. Steuerliche oder anderweitige Entlastung für Ausbildungsbetriebe und deren Auszubildenden? Fehlanzeige.

Das ist der Grund warum immer weniger Friseure sich Ausbildung „leisten“ können. Immer weniger Ausbildungsplätze bedeutet logischer Weise, dass es somit eine Knappheit an Friseuren gibt. Und erst recht an guten Friseuren. Dies wird sich in den kommenden Jahren auch auf Preise auswirken.

Ihr fragt Euch wie viele Auszubildende gerade bei „Nicolaisen“ ausgebildet werden? Das verrate ich Euch heute am Ende dieses langen Beitrages. Lasst uns jetzt aber weitergehen…

DIENSTLEISTUNG & INDIVIDUALITÄT | Wir alle sind im Alltagsleben ja auch „Kunden“. Und als „Kunde“ wünschen wir uns wie „Könige“ bedient zu werden. Wir erwarten bestmögliche Dienstleistung. Ein „Nein“ wird kaum noch akzeptiert. Wir sind es gewohnt alles „just in time“ zu bekommen, alles ist immer sofort verfügbar. Darüber hinaus erwarten wir, dass jeder einzelne von uns auch als Individuum wertgeschätzt wird. Im Netz und auf Amazon sind dafür hochkomplexe Algorithmen verantwortlich und auch in unseren sozialen Netzwerken wird uns oft nur noch das angezeigt, was ein Computerprogramm für uns als relevant empfindet (oder was für den jeweiligen Anbieter am lukrativsten ist). Wir werden daraufhin trainiert, dass nichts wichtiger ist, als das eigene Ego. Wir richten uns unser Smartphone so ein wie es uns gefällt und wir akzeptieren in unserem Alltag immer seltener Standardisierungen.

Richtig? Richtig. Das geht extrem vielen Menschen so. Wir erwarten bestmögliche Dienstleistung und größtmögliche Individualität. Aber wer ist heute noch bereit dazu, diese zu leisten? Wer stellt die eigenen Wünsche und Begehrlichkeiten zurück, um anderen zu helfen und zu unterstützen? Immer wenigere Menschen sind dazu bereit. Schaut in die Pflege. Schaut in die medizinischen Berufe. Schaut mal wie viele Gastronomen und wie viele Shops händeringend nach Mitarbeitern suchen. Meiner Branche geht es nicht anders. Uns geht es nicht anders. Das bedeutet, dass es immer wenigere Menschen gibt, die sich auf dieses Abenteuer „Dienstleistung“ einlassen. Und das bedeutet natürlich auch, dass es nicht nur weniger Friseure, sondern dass es viel weniger „gute“ Friseure gibt. Daher ist es nur folgerichtig, dass sich diese Menschen, die Spaß an „Dienstleistung“ haben und die mit großem Interesse und Leidenschaft dieses Handwerk ausüben, dass sich diese Personen dass auch gut bezahlt lassen wollen. Und ich stimme dem uneingeschränkt zu. Das ist ganz normale Marktwirtschaft.

DIREKT AM ZAHLENDEN KUNDEN | Alles was wir machen, machen wir direkt an unseren Kunden. Da werden kaum Fehler verziehen. Da erwartet man (mit recht) Spitzenleistung. Das macht besonders die Ausbildung so anspruchsvoll. Klar gibt es Trainingsköpfe und Modelle, aber während der Arbeitszeit sind gleich richtig gute Ergebnisse erforderlich. Man kann eine Wand noch einmal überstreichen, ein Holzstück austauschen oder eine Leitung erneut legen – aber ein zu kurzer Pony ist ein zu kurzer Pony. Keine zweite Chance. Daher verlangen und erwarten fast alle Gäste, dass nur die besten Profis die Arbeit am Kopf verrichten. Verständlich. Doch das bedeutet, dass wir all die Kosten der Zuarbeit unserer Auszubildenden nicht an unsere Gäste weitergeben können. Berechnet meine KFZ Werkstatt für die Inspektion einen Stundenlohn von XY, so kann ich als Kunde ja gar nicht kontrollieren ob an meinem Auto ein Meister, ein Geselle oder ein Auszubildender geschraubt hat. Es ist mir ehrlich gesagt auch nicht so wichtig, denn Hauptsache die Arbeit wird gut ausgeführt und mein Auto ist fahrtauglich. Beim Friseur ist das anders. Beim Friseur ist es ganz wichtig WER am Kopf gerade arbeitet.

PREIS PRO DIENSTLEISTUNG | Bei meinem gerade erwähnten KFZ Beispiel habe ich es ja schon angedeutet, dass bei den allermeisten Handwerksberufen pro Arbeitsstunde berechnet und bezahlt wird. Beim Friseur ist das nicht so. Da wird pro Dienstleistung bezahlt. Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Versuche dies zu ändern. Es gab Friseure die haben z.B. pro Minute berechnet – aber das endete schnell im Chaos, denn dann schauten die Kunden ständig auf die Uhr und wehe die Friseurin ging mal kurz weg oder fragte nach dem eigenen befinden. Dann wurde gesagt „machen Sie schneller“. Doch ein Friseurbesuch ist doch nicht nur der Haarschnitt oder die Haarfarbe. Es ist auch eine kleine Auszeit aus dem Alltag. Da soll man sich entspannen. Und das geht nicht mit einer Stechuhr. Leider – denn für mich als Unternehmer ist die Suche nach dem „richtigen Preis“ schon immer eine Herausforderung gewesen und wird es auch weiterhin sein. Nur eines von 100 Beispielen: Herrenpreise. Die sind meistens günstiger als bei Frauen. Warum? Weil man meistens weniger Zeit benötigt als bei einer Frau. Ist bei 90% aller Kunden auch heute noch so – aber eben nicht bei 100%. Es gibt Frauen da benötigt man weniger Zeit als berechnet. Es gibt Männer, da benötigt man deutlich mehr Zeit als „normal“. Für mich als Friseurunternehmer wäre es viel einfacher und auch fairer, wenn wir auch nach Zeit berechnen würden. Es wäre auch gendergerechter. Aber das ist anscheinend bei allen Friseurkunden die diesen Blog nicht lesen, kaum vermittelbar. Doch oh Wunder… jetzt wisst Ihr womit ich mich u.a. 2022 beschäftigen werde 😉

LEGALE SCHWARZARBEIT | Natürlich berechnet nicht jeder Installateur in Hamburg den gleichen Stundenpreis – aber die Schwankungen fallen moderat aus. In unserem Handwerk ist das anders. Es gibt Haarschnitte für 10,00 Euro und für 150,00 Euro – wie soll man das den Verbrauchern erklären? Warum das so ist, hat verschiedene Gründe. Der absolute Hauptgrund ist jedoch legalisierte Schwarzarbeit. Mehr als jeder dritte Salon in Deutschland ist Umsatzsteuerbefreit – weil man angeblich so wenige Kunden bedient. Es gibt in meiner Branche noch nicht einmal eine für alle gültige Kassenpflicht. Das dies Tür und Tor für Betrug öffnet, ist klar. Es gibt Mitbewerber, bei denen arbeiten Mitarbeiter die vollen 40 Stunden, sie werden aber nur für 20 Wochenstunden angemeldet, erhalten einen geringen, regulären Lohn für diese Teilzeit – und der Rest wird „schwarz“ bezahlt. Das ist die Realität. Das macht es hanseatischen, ehrlichen Betrieben so unglaublich schwer. Ich mag hier keine konkrete Eurosumme nennen (denn schließlich haben alle Unternehmen unterschiedliche Kosten) aber wo für eine Dienstleistung pro Minute einen Euro oder sogar weniger berechnet wird, da kann man sich ziemlich sicher sein, dass dort nicht fair gespielt wird.

KEINE GESCHÄFTSKUNDEN | Egal ob Maler, KFZ, Klempner oder sonst wo – eigentlich bei allen Handwerksberufen hat man mit einer Mischung aus Privat- und Geschäftskunden zu tun. Nur nicht beim Friseur. Wir haben ausschließlich nur Privatkunden. Ich denke es ist menschlich, dass man im Zweifel bei Privatausgaben noch einmal ein wenig genauer hinguckt, als bei einer Geschäftsausgabe. Da gibt es auch keine Chance zumindest ein Teil der Kosten abzusetzen. Diese Besonderheit wurde mir gerade wieder in dieser Pandemie vor Augen geführt. Friseurdienstleistung werden nirgends subventioniert. Und da das so ist – und die Zeiten unsicher sind – gibt es nicht wenige Menschen die hier als erstes sparen. Kann ich nicht verdenken, aber ist für meine Branche eine zusätzliche Belastung.

GASTGEBER | Viele Gewerke arbeiten entweder im eigenen Betrieb, oder kommen zur Baustelle. Nur zu uns müssen die Kunden selbst kommen. Das ist für unsere Gäste manchmal ein organisatorischer Aufwand – und dann ist es nur zu verständlich, dass man dann als Kunde auch angenehme und bestmögliche Bedingungen vorfinden möchte. Dessen sind wir uns bewusst und dem kommen wir auch sehr gern nach – doch das erhöht die Kosten. Egal ob es der Service, die Einrichtung oder die Lage ist – das alles muss finanziert und bezahlt werden. Es gibt gute Gründe warum es zB am Ballindamm keine Tischlerei gibt – aber einen Friseur mit Alsterblick 😉 Dies alles muss am Ende refinanziert werden. Da kann man eine klassische „Handwerksstunde“ von Friseuren mit anderen Handwerksberufen kaum vergleichen.

Reicht? Verstehe ich.

Sollte es von Euch zu diesem komplexen Thema Anmerkungen, Fragen und Ideen geben, so schreibt dies entweder auf unserer Facebook-Seite in die Kommentare, oder schreibt mir eine Mail an office@nicolaisen-hamburg.de Ich beantworte dann alles so gut ich kann.

Wie muss sich meine Branche diesen Herausforderungen stellen? Indem wir damit beginnen das zu tun, worüber ich bereits am Montag hier im Blog geschrieben habe. Nämlich die Menschen individuell zu betrachten und mitzunehmen. Im ersten Schritt ist dies bei uns nun das neue Karriere-System. Im kommenden Jahr müssen wir auch an das Thema „Gender-Preisliste“ ran, zahlreiche Ideen dafür liegen bei mir schon in der Schublade. Um aber weder für uns als Unternehmen das Risiko unverhältnismäßig zu erhöhen – und ohne unser Stammkunden mit eventuell völlig ungewöhnlichen Preisschwankungen vor den Kopf zu stoßen, müssen wir jetzt im ersten Schritt unser neues System einführen. Dies berücksichtigt ja unterschiedliche Mitarbeiter-Level… und dies wird natürlich auch Auswirkungen auf unsere Dienstleistungspreise haben.

Wie sich unsere Preise entwickeln und was unser neues Karriere-System für unsere Gäste bedeutet, darüber berichte ich morgen. Für heute habt Ihr es geschafft 🙂

Herzlich, Lars Nicolaisen

PS: Na? Noch den Absatz mit der „Ausbildung“ im Kopf? Wir bildeten aktuell 10 tolle Auszubildende aus. Die Kosten hierfür könnt Ihr Euch nun selbst ausrechnen. Siehe oben. Und damit das ganz klar ist: Wir tun dies unglaublich gern!

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